Hausmusik verschafft Bach in Thüringen weithin Gehör

Ein Bach, drei Länder und die gemeinsame Vermarktung als Ziel

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Ein handbeschriebener Zettel weist zur Wohnungstür der Familie von Kessel im zweiten Obergeschoss eines Erfurter Mehrfamilienhauses. Im Wohnzimmer sitzen auf eng zueinander gerückten Sitzmöbeln aller Art um die 80 Leute und warten geduldig. Schnell wird noch die Tür zur Küche geöffnet und eine Liege in den richtigen Blickwinkel zum Klavier geschoben. Und dann endlich stimmt Domorganist Silvius von Kessel eine Bachsche Motette an, unterstützt von einigen Sängern des Domchors. Anschließend spielt seine achtjährige Tochter Felicitas – Faltenröckchen, weiße Bluse und Strümpfe -  ohne eine erkennbare Spur von Lampenfieber drei Etüden auf ihrem Cello, begleitet von Schulfreund Paul und dann von ihrem Vater am Klavier.

Andächtigem Lauschen folgt herzlicher Applaus des bunt gemischten Zuhörerkreises, von den zahlreichen Kinder rutschen die Jüngsten zwischendurch mal auf Knien übers Parkett – was niemanden stört. So ungefähr wird es auch drei Jahrhunderte zurück zugegangen sein, wenn die vielverzweigte Bach-Familie zusammenkam und dabei natürlich auch musiziert hat. Die Idee zur „Langen Nacht der Hausmusik“ fasste Musikprofessor von Kessel in Erinnerung an seine Pariser Studentenzeit, wo ihn die Fete de la Musique begeisterte, ein familiäres Straßenmusikfest. „Das machen wir auf Thüringisch, also unter den kälteren Gegebenheiten drinnen statt draußen und natürlich mit Bach“, erzählt er. Vergangenen Freitag spielte die „Lange Nacht der Hausmusik“ in 19 Thüringer Städten und Orten und fast 60 Wohnungen. Damit stimmte das gut besuchte eintrittsfreie Ereignis zum dritten Mal auf die Thüringer Bachwochen ein, die immer eine Woche vor Ostern beginnen und dann drei Wochen fortdauern. Wer sich noch kurzfristig entschließt, kann bis zum 26. April aus einem breiten Programmangebot im Dreieck zwischen Weimar, Ohrdruf und Mühlhausen wählen (www.thueringer-bachwochen.de).

Vor fünf Jahren wagten die Thüringer einen Neubeginn. Zuvor hatten die Bachwochen nach mehr als einem Jahrzehnt aufgeben müssen, was vor allem hausgemachte Ursachen hatte. Aber auch nach seiner programmatischen Neuausrichtung muss sich das größte Musikfestival Thüringens neben einer vielstimmigen Konkurrenz Gehör verschaffen, allem voran das Leipziger Bachfest. Wie auch Köthens Bachfesttage stehen die Thüringer Bachwochen im Halbschatten des bekannteren sächsischen Festivals.

Zudem müssen die Thüringer mit einem sehr bescheidenen künstlerischen Etat auskommen. Dennoch gibt es rund 30 Konzerte, und 2008 kamen bereits 10.000 Musikfreunde. „Wir wollen ein breiteres Publikum unter „60 Plus“ erreichen“, provoziert Pressesprecher Jens Haentzschel Richtung Leipzig. Deshalb geht man in Thüringen nicht nur zu Hauskonzerten, sondern lädt dieses Jahr erstmals auch Schulen zur Musikstunde mit jungen Solisten der Festkonzerte ein, die Schülern sehr persönlich den Weg zur klassischen Musik erschließen sollen.

Unübertrefflich sind auf jeden Fall die gleich zehn Festivalspielorte an authentischen Bach-Orten, wofür diese Städte zum Budget des Veranstaltungsmarathons beitragen. „Wir bewegen uns mit dem Festival durch Thüringen“, betont Haentzschel: „Damit können wir Gäste mehrere Tage binden, ohne sie zu langweilen.“ So könnten Kulturtouristen tagsüber hinauf zur Wartburg wandern oder das neugestaltete Bachhaus besichtigen und abends Bach in seiner Taufkirche hören. An den nächsten Tagen vielleicht Erfurt oder Weimar erkunden und auch das mit Konzerten verbinden.
Bachs Stammbaum zählt rund 550 „musikalische Bache“. In der thüringschen Gemeinde Wechmar steht das Stammhaus der Familie, und ihr berühmtester Sohn Johann Sebastian verbrachte sein halbes Leben in Thüringen. Er verließ es nicht ungestraft – sein Wechsel nach Köthen 1717 brachte ihm zuvor vier Wochen Arrest in Weimar ein. Bach ist eben aus Thüringen nicht wegzudenken. Und so gibt es heute neben den landesweiten Bachwochen auch lokale Bachtage wie in Arnstadt, wo auf dem Markt ein sehr heiteres und etwas freches Bachdenkmal aus der Werkstatt des Hallenser Bildhauers Bernd Göbel steht.

„Bach muss zu einer Marke in Thüringen werden“, hofft Haentzschel. Da der große Barockkomponist aber in ganz Mitteldeutschland Spuren hinterließ, haben seine Thüringer Orte mit Köthen und dem Bacharchiv Leipzig vor zwei Jahren eine Arbeitsgemeinschaft gegründet. Sie verfolgt das gegenwärtig noch kühn erscheinende Ziel, länderübergreifend touristische Angebote und Veranstaltungen rund um Bach vermarkten, zum Beispiel auch den „Köthener Herbst“ in diesem September. Bisher gibt es Arbeitstreffen und einen gemeinsamen Internetauftritt (www.bach-lebensreise.de).

Von der Zusammenarbeit hoffen weniger bekannte Bach-Orte wie das kleine Wechmar zu profitieren. Klein ist auch Dornheim, wo Johann Sebastian seine erste Frau Maria Barbara ehelichte, aber dieser Ort hat es schon zu Berühmtheit gebracht. Seit Bachs Traukirche von einem Förderverein vor dem völligen Verfall gerettet wurde, geben sich dort Hochzeitspaare aus Halberstadt, der Schweiz,  den USA das Ja-Wort. Die weiteste Anreise hatte ein Baptisten-Pärchen aus Japan, erzählt Vereinsvorsitzender Siegfried Neumann. Die jungen Bachverehrer hatten zuvor ein Konzert in Leipzig gehört.

Ute Semkat, Volksstimme, 08.04.2009

Foto: Die Tochter des Erfurter Domorganisten, Felicitas von Kessel, trug zur Hausmusik mit Etüden auf ihrem Cello bei. Die Lange Nacht der Hausmusik gibt seit drei Jahren den Auftakt zu den Thüringer Bachwochen. (2 Motive, Ute Semkat)

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