Sonnenschein aus Abfall

BNT Chemicals sitzt an der „Röhre“ und nutzt die Vorteile des ChemieParks

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Ach wo, hier leidet niemand an Bluthochdruck. Das Tablettenröhrchen gehört in die Mustervitrine. „Ein Pharmahersteller setzt ein Produkt von uns für die Herstellung eines Bluthochdrucksenkers ein. Wir nehmen ihm die verbrauchte Zinnchemikalie dann wieder ab und haben ein Verfahren entwickelt, daraus einen Basisrohstoff für andere Anwendungen zu gewinnen. Zum Beispiel für die Solarindustrie“, erklärt Dr. Rüdiger Newe, Geschäftsführer der Bitterfelder BNT Chemicals GmbH, den medizinischen „Fremdkörper“ in seiner Firma. Und fügt lächelnd hinzu: „Bei uns lebt Zinn zweimal – erst für ein Herzmedikament, und dann bringt es noch Sonnenschein fürs Herz.“

Zinn sei eben ein Teufelszeug, aus dem man unheimlich viel machen könne, schwärmt der promovierte Ingenieur. Der Werkstoffexperte war erstmals vor zwei Jahrzehnten mit dem weißen Schwermetall, Ordnungsnummer 50 im Periodensystem der chemischen Elemente, beruflich in Berührung gekommen. 1998 gründete er mit 13 Mitarbeitern sein heutiges Unternehmen für Spezialchemikalien auf Basis von Zinn und Alkylchloriden. Mittlerweile hat er 75 Frauen und Männer auf der Lohnliste und mehr als 20 Millionen Euro in den Kapazitätsausbau investiert, drei Projekte liefen allein in diesem Jahr. Der 57-Jährige ist inzwischen der Seniorchef bei BNT, in der Geschäftsführung steht ihm Sohn Daniel, Diplombetriebswirt, zur Seite. Auch Frau und Tochter arbeiten im Unternehmen.

Produziert wird einige hundert Meter vom Verwaltungssitz entfernt im ChemiePark Bitterfeld Wolfen. Die Chemiebranche sorgt in Stadt und Region schon mehr als ein Jahrhundert für den Broterwerb vieler Familien. Auf dem sanierten Gelände des früheren DDR-Kombinats haben sich seit den 1990er Jahren zahlreiche kleinere Unternehmen angesiedelt. Mittendrin, im Areal C, stehen die mehrstöckigen Produktionsanlagen von BNT. Typisch Chemie: Geschlossene Aggregate und Rohrbrücken lassen den Laien in vager Erinnerung an den schulischen Chemieunterricht höchstens ahnen, wie reaktionsfreudig es im Inneren läuft. Gesteuert von einem Prozessleitrechner, geht Zinn mit Chemikalien wie Chlor, Natronlauge und Salzsäure sehr spezielle Verbindungen ein. Dr. Rüdiger Newe zeigt nacheinander auf die einzelnen Anlagenteile und benennt das jeweilige Produkt. Er könnte das wohl auch mit geschlossenen Augen, obwohl keinerlei Gerüche einen Hinweis verraten. Zinn sei übrigens völlig ungiftig, versichert er, weshalb auch schon die Menschen im Altertum dieses weiche Metall für Geschirr und Trinkbecher zu nutzen wussten.

Für die  heute weitaus breiter gefächerte Anwendungspalette lassen sich nur Beispiele nennen: Als Beschichtungsmittel für Hohlglas ermöglicht Zinn in der Getränkeindustrie die wiederholte Nutzung von Glasflaschen und unterstützt damit das Mehrwegesystem; bei Autolacken wie auch Silikondichtmassen bewirken Zinnkatalysatoren die schnelle Aushärtung;  Zinnverbindungen stabilisieren PVC-Fensterprofile, damit sie viele Jahre der Witterung widerstehen können. Auch beim Perlglanz mancher Autos und sogar in Haarsprays spielen die Spezialchemikalien eine Rolle. Die Solarzellenindustrie profitiert wiederum von den halbleiterähnlichen Eigenschaften dotierter Zinnoxidbeschichtungen auf Flachglas.

Viele seiner Spezialitäten hat BNT selbst bis zur Marktreife entwickelt. Oft würden sie nur „in homöopathischen Mengen“ in die Produkte der Kunden einfließen, vergleicht Dr. Newe, bei einigen liegt die anteilige Prozentangabe weit hinter Nullkomma….  Für einen großen Chemiekonzern wäre dieses Geschäft nicht wirtschaftlich.

In Europa verarbeitet nur eine Handvoll Wettbewerber das aus dem Erz der Zinnsteingruben in China, Indonesien oder Südamerika gewonnene Metall zu Chemikalien. Der Zinnpreis an der Londoner Metallbörse sei durch Spekulationsgeschäfte starken Schwankungen unterworfen, kritisiert Dr. Newe: „da muss man mit den Kunden spezielle Preisvereinbarungen treffen.“ BNT Chemicals liefert direkt oder über Händler in etwa 40 Länder, rund 75 Prozent des vorjährigen Umsatzes von gut 28 Millionen Euro kamen aus dem Exportgeschäft. „Wir haben inzwischen einen Bekanntheitsgrad erlangt, bei dem man von Kunden empfohlen und angesprochen wird – auch von denen mit großem Namen“, erzählt der Unternehmer, „aber wir sitzen deshalb nicht still.“

Auf Wachstumsraten beim Umsatz von jährlich 15 bis 20 Prozent hat sich der Unternehmenschef, der auch ein kluger Rechner ist, nie ausruhen wollen. Zum einen hat das mittelständische Unternehmen mit eigenem Know-how kostengünstige Herstellungsverfahren entwickelt, zum anderen werden dem Kunden Paket-Lösungen offeriert – Service inklusive. „Wir bieten unseren Kunden Dienstleistungen zur Entsorgung von Abprodukten an, die bei der Nutzung unserer Produkte entstehen. Oder -  mit Blick auf die Arbeitssicherheit - spezielle Lösungen bei den Verpackungsmaterialien, oder auch Absorbersysteme zur Luftreinhaltung. In solchen Fällen setzen sich unsere Preis aus Produkt, Service und Sicherheit zusammen.“

Die Ansiedlung im ChemiePark zahlt sich auch dadurch aus, dass wichtige Ausgangsstoffe per Rohrleitung kommen, die Lieferanten sitzen in der Nachbarschaft. „Bei Gefahrenstoffen wie Chlor und Chlorwasserstoff wäre die Anlieferung sonst wegen der hohen Sicherheitsauflagen sehr teuer. Unsere Einsparungen liegen pro Jahr im fünfstelligen Bereich“, überschlägt Dr. Newe den Nutzen für BNT. Als guten Service des ChemieParks nennt er außerdem die zentrale Abwasserbehandlung und Energieversorgung, wahlweise Erdgas oder Dampf. Der BNT-Chef hält das Dienstleistungsmodell noch für ausbaufähig, zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit weiteren Servicepartnern und Behörden.

Im Jahr 2009 hat BNT sein Wachstum zum ersten Mal nicht fortgesetzt, die Wirtschaftskrise erreicht das Unternehmen über seine Kunden. Ruhig Blut bewahren, heißt es bei Firmenchef Dr. Newe: „Solange es Glas gibt, wird es auch die Zinnchemie geben.“

Ute Semkat, SAM Sachsen-Anhalt-Magazin 01/2009

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