Zwergenaufstand mit viel Energie

Dardesheim will mit Wind, Sonne und Wasserkraft ein Vorbild für regenerative Speichertechnologien schaffen

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Dardesheim sollte keiner unterschätzen. Auch wenn die drittkleinste Stadt in Sachsen-Anhalt nicht einmal ganz eintausend Einwohner zählt, auch wenn in Ermangelung wirklich hoher Berge kein Harzwanderer bis hierher kommt. Aber während manche große Stadt nur viel Wind um sich macht, macht Dardesheim aus dem Wind ein Geschäft.

Das Städtchen und der Harzkreis sind seit 2008 eine von sechs sogenannten „E-Energy- Modellregionen“ des Bundes mit dem Anspruch, ein Pilotmodell für Deutschlands  künftige Energieversorgung zu schaffen. Sicher, wirtschaftlich und umweltfreundlich soll diese Zukunft sein. Und das Kraftwerk dafür müsse gar nicht erst erfunden werden, schwärmt Projektkoordinator Heinrich Bartelt: „Unser Zukunftskraftwerk ist das Wetter“, verweist er auf Wind, Sonne und Wasser. Die Harzer setzen als einzige Modellregion ausschließlich auf erneuerbare Energien und wollen damit schon in wenigen Jahren die knappe Viertelmillion Einwohner im Landkreis komplett versorgen.

Auch Heinrich Bartelt sollte keiner unterschätzen, wenn er hemdsärmelig und mit flottem Basecap auf den ersten Blick genauso wenig nach einem Unternehmenschef aussieht wie sein Projektbüro nach Innovation und Fortschritt. Man betritt diese „Schaltzentrale“ durch den Hintereingang des „Dardesheimer Geschäftshauses“, vorn ist der Dorfkonsum.  Aber der 54-jährige Unternehmer kommt mit seinen Ideen keineswegs durch die Hintertür.

Seit er aus Ibbenbüren nach Dardesheim zog, weht hier ein anderer Wind. Auf dem Druiberg, dem Hausberg der Dardesheimer, drehen sich 33 Windräder mit insgesamt 62 Megawatt Leistung. Die von Bartelt gegründete Windpark Druiberg GmbH & Co KG erzeugt im Jahr rund 130 Millionen Kilowattstunden und damit vierzigmal soviel Strom, wie das Städtchen verbraucht. Man könnte sich vorstellen, wie die Rotorblätter oben im Windpark langsamer kreisen, wenn unten im Städtchen alle Familien gleichzeitig den Fernseher zum Bundesligaspiel anstellen. Aber natürlich wird auch die Energie aus Dardesheim nur ins Überlandnetz eingespeist.

Nach dem Wind hat der Ort auch die Sonne in seine Dienste genommen. Eine der größeren Solaranlagen glänzt seit dreieinhalb Jahren auf dem Dach des Gasthofs „Zum Adler“. Seit der Wirt die Schnitzel mit Sonnenenergie brät, hat der Gasthof den Ausstoß von ungefähr 40 Tonnen CO2 vermieden, das als Klimakiller gilt. Diese Menge zeigt das Display am Eingang zusammen mit der Zahl der gerade erzeugten Kilowattstunden.

Über die Umweltfreundlichkeit regenerativer Energie braucht Bartelt niemanden mehr aufzuklären, wenngleich man im Gespräch mit ihm spürt, dass der Windpionier noch vor einigen Jahren unermüdlich Überzeugungsarbeit leisten musste. Dass heute aber sogar große Energiekonzerne in Dardesheim mit am Tisch der sitzen, erklärt er so: „Die haben gemerkt, dass sie ein Problem mit ihren Atommeilern haben, ein Problem mit der herkömmlichen Energieversorgung.“  Jetzt wollten diese Energieunternehmen im Harz schauen, ob es auch anders geht. Das soll sich auch nach der Bundestagswahl nicht ändern.

„Anders gehen“, das heißt: Die heimischen Energieerzeugeranlagen aus Wind, Sonne, Biomasse sowie Wasserkraft sollen im „Regenerativen Kraftwerk Harz“ (RKWH) vernetzt werden, in einem virtuellen Kombikraftwerk mit einem gemeinsamen Fahrplan. Wenn starker Wind oder Sonne mehr Energie liefern, als augenblicklich benötigt wird, könnte mit diesem Überschuss im 30 Kilometer entfernten Pumpspeicherkraftwerk Wendefurth Talsperrenwasser in das Oberbecken befördert und so als Wasserenergie gespeichert werden. In Spitzenlastzeiten oder bei längerer Windflaute würde das Wasser durch zwei Turbinen 130 Meter tief zurück in den Stausee schießen und neuen Strom liefern. Dieser Verbund von ausschließlich „grünen“ Energien könnte zugleich das Speicherproblem der unsteten „Lieferanten“ Wind und Sonne lösen helfen.

Aber wird das Kombikraftwerk auch wirtschaftlich sein? „Wir sind ja selbst Geschäftsleute“, beschwichtigt Heinrich Bartelt die Skeptiker, „und wir werden ausprobieren, wie wir die erneuerbaren Energien konkurrenzfähig machen.“ Er ist schon jetzt vom Erfolg überzeugt: „Das funktioniert. Die Branche kann weltweit zu einer der stärksten Industrien werden, mindestens so stark wie die Automobilbranche.“

Vorausgesetzt, die Technologien und Ausrüstungen werden tauglich zur Massenproduktion und damit preiswerter. „Die Kosten für fossile Energiequellen dagegen steigen immer weiter, je knapper diese werden“, ergänzt Bartelt und verschränkt die Arme zu einem Kreuz -  ein Arm zeigt nach oben, der andere nach unten. Irgendwann werde die gegenläufige Preisentwicklung zum Schnittpunkt führen, erklärt er. Wenn sich die 80 Millionen Euro-Investition in den Windpark Druiberg amortisiert hat - „bis vielleicht 2015“ - muss er den Windstrom für sechs Cent die Kilowattstunde produzieren. Heute vergüten die Netzbetreiber für jede eingespeiste Kilowattstunde aus neuen Windkraftanlagen 9,2 Cent.

Die Dardesheimer allerdings bezahlen wie alle Kunden des regionalen Energieanbieters E.ON avacon aktuell einen Tarif von rund 24 Cent. Das bewirkt schon mal Unverständnis. Deshalb möchte der Windpark mittelfristig einen Teil des Netzes kaufen und dann als Netzbetreiber den Harzbewohnern den hier erzeugten regenerativen Strom preisgünstiger anbieten. Möglich wäre das, weil der Windpark innerhalb der Region den Strom über eigene Mittelspannungsleitungen und ein eigenes Umspannwerk beziehen kann. Allein durch die dadurch gesetzlich mögliche Einsparung der Ökosteuer und der EEG-Umlage schätzt Bartelt das Sparpotential auf „mittelfristig über drei Cent pro Kilowattstunde, also mindestens zehn Prozent.“

„Aber wir kappen hier keine Stromleitung“, weist RKWH-Projektmanager Ralf Voigt den aufkommenden Verdacht zurück, Dardesheim wolle eine Insel der Glücksseligkeit werden. „Ein autarkes Netz für den Harzkreis funktioniert nicht, ein stabiles System braucht immer ein großes Netz, um überschüssige Last abzugeben und bei Bedarf Last hereinzuholen“, erklärt der Ingenieur, den die Dardesheimer zu ihrem ehrenamtlichen stellvertretenden Bürgermeister gewählt haben. Und er verweist auf die zweite Seite der Regenerativen Modellregion: „Wir stellen nicht nur die Erzeugung in den Vordergrund, sondern wollen auch den Verbrauch anpacken.“ Der Bürger habe es selbst in der Hand, Wasserboiler oder Waschmaschine dann anzuwerfen, wenn viel und preiswerte Energie im Netz ist. Dabei soll ihm ein „Bemi“ helfen, das ist die Abkürzung für Bidirektionales Energiemanagement Interface, quasi ein intelligenter Strommanager. Der Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologien ist ein bedeutender Teil des Projekts Modellregion, an dem mehrere wissenschaftliche Partner mitarbeiten.

Ein umsichtiger Verbraucher muss allerdings auch über den Energiepreis stimuliert und belohnt werden, plädiert Voigt, und dazu „muss auch über ein neues Tarifsystem nachgedacht werden, so wie es früher den preiswerteren Nachtstromtarif gab.“

Schon heute profitieren die Dardesheimer von soviel Energie. Einige haben Beteiligungen am Windpark Druiberg erworben, was ihnen gesicherte acht Prozent Mindestrendite bringt – in günstigen Windjahren gab es auch schon zehn Prozent. Andere nehmen als Besitzer der Äcker, auf denen sich Windräder drehen, über die Pacht mehr ein, als die landwirtschaftliche Nutzung einfahren würde. Die Stadt wiederum erhält einen festen Prozentsatz der Jahresumsätze des Windparks, das Geld geht in kommunale Bauprojekte und an die Vereine wie Stadtorchester und Schützengilde. Auch dem Kirchturm verschafften die Segnungen des Windes ein sturmsicheres neues Dach. In einigen Jahren wird der Windpark dann der größte kommunale Steuerzahler sein. 

Am Kirchplatz, genau vor dem RKWH-Büro, wurde im Sommer 2008 die erste regenerative Stromtankstelle Sachsen-Anhalts in Betrieb genommen. Seitdem hat ein mittelständischer Elektromotorenbauer aus der Region mehrere Autos auf Elektrobetrieb umgerüstet, der Vorzeige-Twingo verbraucht bei einer Reichweite von 120 Kilometer nur ein Viertel der Energiekosten eines „Benziners“. Jetzt kommt diese Initiative richtig in Fahrt. Der Bund will Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität entwickeln und hat zu den zehn Millionen Euro Förderung für die Regenerative Modellregion Harz noch sieben Millionen für ein zusätzliches Projekt „Harz.Erneuerbare Energien-mobility“ draufgepackt. In den nächsten zwei Jahren soll eine Flotte von 25 Audi A2 zu Batterieautos umgerüstet und getestet werden, außerdem werden im Harzkreis bis zu 50 öffentliche Ladestationen aufgestellt. Der Charme liegt darin, dass auch im Elektroauto Speichermöglichkeiten für Wind- und Sonnenenergie stecken. Projektleiter Ulrich Narup gibt die technische Erläuterung: „Die Autos erhalten eine bidirektionale Schnittstelle, die auch eine kontrollierte Rückspeisung aus der Batterie ins Netz ermöglicht, wenn das Auto nicht benötigt wird und steht – was es sowieso die meiste Zeit tut.“

Wollen die Dardesheimer schaffen, was den deutschen Autokonzernen noch immer nicht so richtig zu gelingen scheint? Ralf Voigt lächelt leise und antwortet: „Über unseren Zwergenaufstand wollen wir die großen Autohersteller dazu bringen, endlich etwas mehr zu tun.“ Dardesheim sollte niemand unterschätzen.

Ute Semkat, SAM Sachsen-Anhalt-Magazin 01/2009

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