In vielen Orten hat die IBA Beine bekommen

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Jetzt purzeln bei der IBA die Termine: Am Wochenende (15.8.) wurde in Bernburg der Campus Technicus eröffnet und Lutherstadt Wittenberg zeigte in einer „Erlebnisnacht“ den Baufortschritt des „Campus im Campus“. Kommenden Samstag (22.) weiht Halle seine IBA-Baustellen an den Franckeschen Stiftungen ein, während Wanzleben wieder mit einem Familientag für sich wirbt. Die Internationale Bauausstellung Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010 nimmt im wahrsten Wortsinne Gestalt an – in 19 beteiligten Städten.

Die Geigentöne, die über den Staub der Baustelle im Bernburger Schlossbezirk aufsteigen, klingen einladend heiter. Nein, da hat kein Bauarbeiter das Radio aufgedreht, sondern zwischen unverputzten Ziegelwänden der Musikschule führt deren Leiterin Antje Karls selbst den Bogen über die Saiten, begleitet von Organist Josef Müller. In diesem Willkommensgruß für die Mitreisenden der IBA-Sommertour klingt Freude über die lang erwartete Sanierung der Musikschule mit. Der Umbau der Schule, die 1991 im früheren Schlossgefängnis Unterkunft fand und bisher in engen „Übungszellen“ – wie Karls sagt - probte, bringt mehr Platz für die stetig wachsende Schülerzahl und der größten Chorklasse Sachsen-Anhalts endlich einen Auftrittssaal.

Dieses Sanierungsvorhaben bildet eine Art Ouvertüre für das IBA-Projekt „ZukunftsBildung“. Denn in Bernburg spielt die Musik künftig mitten im historischen Stadtzentrum, wo wie in vielen deutschen Mittelstädten schöne Architekturzeugnisse dem allmählichen Verfall anheim gegeben sind und auf Nutzer warten. Aber nicht mehr lange, denn nach Umbau und Neubau werden Bernburger Schulkinder aus drei fusionierenden Sekundarschulen in die Stadtmitte ziehen. Der Name ihrer gerade gegründeten Gesamtschule, Campus Technicus, weist auf das neue Konzept hin – eine praxisorientierte Schulbildung, unterstützt durch Bernburger Betriebe.

Für den etwa 1,1 Hektar großen Schulstandort, der die Schlosskirche „umzingelt“, kaufte die Stadt Flächen zu und errichtet darauf das sogenannte Treibhaus: Mit diesem Neubau öffnet sich der Campus Technicus zur Stadt, hier werden außer der Mensa Räume für eine vielfältige öffentliche Nutzung eingerichtet. Bis in die Abendstunden soll in Bernburgs Innenstadt immer Leben herrschen.

IBA-Prinzip: Nichts über die Köpfe der Einwohner hinweg

Sehen kann man das Treibhaus, für den ein Kreistagsbeschluss im September 2008 grünes Licht gab, allerdings erst 2011. „Aber ums Bauen geht es nicht in erster Linie, sondern um das neue pädagogische Konzept - und dass damit 800 junge Menschen in die Stadt gebracht werden“, betont Rüdiger Schulz, Geschäftsführer des IBA-Büro. „Wenn die jungen Bernburger jeden Tag hierher zur Schule kommen, entwickeln sie doch eine ganz andere Beziehung zur Stadt“, ist auch IBA-Architektin Sonja Beeck überzeugt. Und genau darum geht es im „Labor“ Bauausstellung, um intelligente Lösungen zur Wiederbelebung von Städten, die der demografisch bedingte Bevölkerungsrückgang immer leerer fegt.  „Allein von der baulichen Seite kann man dieses weltweite Problem gar nicht lösen, da könnte der Bauminister noch soviel Geld haben“, erklärt Beeck: „Die Stabilisierung gelingt nur interdisziplinär, wenn man das Problem aus verschiedenen Blickwinkeln anpackt.“ Deshalb beschäftigt das Bernburger IBA-Projekt auch das Kultusministerium. Dort hat das pädagogische Konzept voll überzeugt.

In beharrlichen Diskussionen konnte man auch Bernburgs Bürgerschaft bis hin zur Kirchengemeinde dafür gewinnen, Schüler nicht als ärgerliche Lärmverursacher, sondern als Bereicherung für das städtische Leben zu erkennen. Das ist ein Prinzip der IBA-Macher: Die Einwohner müssen stets einbezogen werden, denn über ihre Köpfe hinweg kann dauerhaft nichts funktionieren.

2010 ist nur Zwischenstation

Dass es bei dieser Bauausstellung nicht um reine Baukultur geht, zeigt auch das Projekt „Netzregion“ Bitterfeld-Wolfen. „Wir haben ein konzeptionelles Thema“, macht Oberbürgermeisterin Petra Wust schnell klar. Ein besonders drastischer Einwohnerschwund führte 2007 zur Fusion der beiden Städte und weiterer Gemeinden. Was verwaltungsrechtlich zusammengehört, muss nun auch bei der Stadtentwicklung zusammenwachsen. Wo liegt denn jetzt bitte die Stadtmitte, fragten die Bitterfelder, fragen die Wolfener, die Greppiner … Während ihr gemeinsames Rathaus in den Verwaltungssitz der ehemaligen Filmfabrik Wolfen umziehen wird, versucht der Stadtteil Bitterfeld bisher vergeblich, aus der Beliebtheit des nur 300 Meter entfernten Goitzsche-See einen Nutzen für die urbane Entwicklung zu ziehen. Vom Tagebausee her die Stadtlandschaft neu zu denken, schlagen die IBA-Planer vor, und die Oberbürgermeisterin verkündet fast beschwörend: „Der Tourismus muss unser zweites Standbein werden.“ Sie will dafür sogar einen Schatz aus der alten Kohletagebaulandschaft heben: „Hier sollen noch rund tausend Tonnen Bernstein liegen.“ Bitterfelder Bernstein war schon in DDR-Zeiten begehrt, umdeklariert zu Ostseeschmuck.

Die Menschen in der Region diskutieren sich zurzeit die Köpfe heiß über Monika Marons neues Buch „Bitterfelder Bogen“. Die heutige Sicht der Autorin auf die Region, nachdem sie vor 20 Jahren so schonungslos wie ehrlich über die damals wohl schmutzigste Stadt Europas geschrieben hatte, erscheint manchem Bitterfelder zu positiv, anderen zu negativ. Denn trotz der zukunftsträchtigen Solarindustrie konnte der Einwohnerschwund bisher nicht umgekehrt werden, und die vereinigte Stadt kämpft zwischen Goitzschetourismus, Industriedenkmalen und Plattenbau in Wolfen-Nord an vielen Fronten.

Das Land Sachsen-Anhalt investiert aus vorhandenen Förderprogrammen rund 140 Millionen Euro in die Umsetzung der IBA-Projekte in den 19 Städten.  Im kommenden Jahr, das die IBA als Zieljahr im Namen trägt, wird es modellhafte Beispiele, aber nirgendwo fertige Lösungen geben. Landesentwicklungsminister Karl-Heinz Daehre, der den IBA-Lenkungsausschuss leitet, spricht von einer „Zwischenstation“ und nennt es „unsere politische Aufgabe, dass 2010 kein Schlussstrich gezogen wird“.  Dass die IBA-Städte weitermachen wollen, glaubt der Züricher Architekt Professor Markus Grob, Kuratoriumsmitglied: „In vielen Orten hat die IBA eigene Beine bekommen.“

Dem Lenkungsausschuss gehört der Rostocker Architekt Michael Bräuer an, als Vorsitzender der Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz beim Bund deutschlandweit „im Bilde“. Er ist überzeugt, dass Sachsen-Anhalt über 2010 hinaus „bundesweit sehr gut aufgestellt ist, weil hier das Thema demografiebedingter Stadtumbau in den Köpfen angekommen ist und nicht wie anderswo verdrängt wird.“  In den alten Ländern zum Beispiel.

   Auf „gebaute IBA“ werden die Besucher im nächsten Jahr natürlich nicht verzichten müssen. Nach bereits erfolgter Fertigstellung des Luther-Geburtshauses in Eisleben, inzwischen mehrfach prämiert, und der Cranach-Herberge in Wittenberg stehen unter anderem das Bildungszentrum Bestehornpark im ehemaligen Optimawerk in Aschersleben und die Europäische Bibliothek für Homöopathie in Köthen vor der Fertigstellung.

Ute Semkat, Volksstimme, 27.08.2009

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