Leuna-Raffinerie will ohne Personalabbau durch die Krise kommen

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Die LKW-Kolonnen auf den Autobahnen werden kürzer. Nach Angaben des Bundesverbandes Güterverkehr hatten bereits Ende 2008 fast 60 Prozent der Transportunternehmen eine sinkende Auslastung ihrer Fuhrparkflotte gemeldet. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise spürt man auch in den deutschen Erdölraffinerien. Zunächst im Verkauf: „Die Preise für sämtliche Mineralölprodukte sind im Keller“, bestätigt Olaf Wagner, Pressesprecher der Total Raffinerie Mitteldeutschland in Spergau bei Leuna. Minus 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr waren es laut Statistischem Bundesamt im März.

Zwar muss Leuna die Produktion bisher nicht drosseln und hat im ersten Quartal etwa genauso viel Rohöl verarbeitet wie im gleichen Vorjahreszeitraum.  Doch im weiteren Jahresverlauf, abhängig von der Entwicklung der Wirtschaftskrise, rechnet der Unternehmenssprecher mit einem Rückgang für Umsatz und Ergebnis. Genaue Prognosen wagt Wagner nicht, „das wäre wie ein Blick in die Kristallkugel.“ 

Im Jahr 2008, im Umfeld einer generell sehr hohen Auslastung deutscher Raffinerien, hatten die Leunaer gut zu tun und konnten trotz eines zweimonatigen Stillstands während der planmäßigen Generalinspektion mehr als neun Millionen Tonnen Erdöl verarbeiten. Doch jetzt gibt es nicht nur die Flaute im Transportgewerbe, sondern auch eine sinkende Nachfrage in der Chemieindustrie, dem zweiten Hauptabnehmer neben den Tankstellen. Nach Einschätzung des Branchenverbandes Nordostchemie zeichnet sich für 2009 in einigen Chemiesparten ein anhaltender Produktionsrückgang ab, nachdem erstmals im vergangenen November die Umsätze einbrachen. Größere Einbußen signalisieren vor allem die Hersteller von Kunststoffen, Lacken oder Gummi, also den Ausgangsstoffen für Autozulieferprodukte. In der Total-Raffinerie macht sich das in einer sinkenden Nachfrage zum Beispiel nach Methanol bemerkbar, das an Chemieunternehmen in Leuna sowie europaweit vermarktet wird.

Bisher gab es weder Kurzarbeit noch Entlassungen für die rund 650 Mitarbeiter. „Wir wollen ohne Personalabbau durch die Krise kommen und werden auch 2009 wie in den Vorjahren wieder 16 Ausbildungsplätze bereitstellen“, bleibt Pressesprecher Wagner optimistisch. Alternativen wie andere Unternehmen, wo zunächst die zeitlich begrenzten Verträge nicht verlängert werden, hat die Leuna-Raffinerie allerdings nicht, weil sie keine Leiharbeiter beschäftigt.

Trotz Krise wird die im Vorjahr begonnene 120-Millionen-Euro-Investition in eine komplett neue Entschwefelungsanlage ohne Abstriche bis zum Herbst zu Ende geführt. „Wir brauchen diese Anlage, das ist eine zukunftsorientierte Investition“, bekräftigt Wagner. Nach Fertigstellung dieses größten Projekts seit Inbetriebnahme der Raffinerie vor zwölf Jahren wird das Unternehmen mehr als bisher schwefelarmes Heizöl herstellen können, das immer mehr das herkömmliche Heizöl ablöst. „Jeder neue Heizungskessel mit moderner Brennwert-Technik wird mit schwefelarmem Heizöl betrieben, das den Verbrauch senkt und die Umwelt schont“, erklärt Wagner. Heizöl ist auch eines der wenigen Raffinerieprodukte, für das die Nachfrage im vergangenen Jahr sogar noch kräftig gestiegen ist.

Im Rahmen der vorjährigen Generalinspektion wurden auch die Voraussetzungen geschaffen, die Produktion von gut nachgefragten Mitteldestillaten – Diesel, Heizöl und Flugkraftstoff – steigern zu können. Die Leuna-Raffinerie zählt nicht nur zu den umsatzstärksten Unternehmen in Sachsen-Anhalt, sie ist eine der modernsten Raffinerien in Europa und dürfte damit nicht zu den Anlagen gehören, die in Folge des – auch unabhängig von der Krise – stetig sinkenden Benzinverbrauchs in den kommenden Jahren wahrscheinlich geschlossen werden. Branchenkenner sprechen von  mittelfristigen Überkapazitäten in Europa in einer Größenordnung von 20 Prozent. Dagegen baut die Öl verarbeitende Industrie derzeit in China und Indien die Kapazitäten massiv aus, was noch zusätzlich auf Auslastungsgrad und Gewinnspannen der Anlagen in der westlichen Hemisphäre drücken dürfte.

Ute Semkat, Volksstimme / Wirtschaft, 21.04.2009

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