Wernigeröder Familienunternehmen gewinnt mit Profil

PSFU ProfilSchleif-, Fertigungs- & Umwelttechnik GmbH

Voriger Text Übersicht Nächster Text

Einmal hat Firmenchef Andreas Schubert einem Kunden das Maschinenteil mit weißen Handschuhen präsentiert, so edel glänzte die geschliffene Metalloberfläche. Profilschleifen ist die „hohe Kunst“ mechanischer Bearbeitung, erklärt der Ingenieur, aber wer sie einmal beherrscht, der beherrscht sie immer.

Das Vertrauen in diese Technologie hatte den heute 56-Jährigen bestärkt, sich nach der Wende beruflich selbstständig zu machen. Mit eigenem Know-how und geborgten 10.000 Mark von seinen Eltern. Die Geschichte begann aber eigentlich schon 1978. Da konnte das Elektromotorenwerk Wernigerode für harte Devisen eine Profilschleifmaschine aus der Schweiz kaufen. Bis diese nach zwei Wochen endlich lief, hatte Andreas Schubert eine Menge von der neuartigen Technologie gelernt und konnte die Werkzeuge und Vorrichtungen selbst bauen. Ablösung von Importen aus dem „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ hieß das damals. Das spezielle Präzisionsschleifen hat gegenüber dem in der Zerspanung üblichen Fräsen den Vorteil, dass es eine sehr hohe Oberflächenqualität und Maßgenauigkeit ermöglicht.

Mit zehn ehemaligen Kollegen und zunächst einem kleinen Maschinenpark gründete Andreas Schubert 1992 das Unternehmen ProfilSchleif-, Fertigungs- & Umwelttechnik GmbH, kurz: PSFU. Die ersten Aufträge kamen von seinem ehemaligen Betrieb und vom Nachbarunternehmen, dann wurde ein niedersächsischer Lasertechnikhersteller Kunde, später BMW und fast die ganze deutsche Autoindustrie. „Obwohl wir mitten in einer Krise gestartet waren, hatten wir nie ein Problem mit der Auslastung.“ Europaweit gibt es nur etwa eine Handvoll Unternehmen, die das Profilschleifen als Dienstleistung für unterschiedlichste Produkte anbieten: Autoarmlehnen, Schiffspleuel, Druckmaschinenteile, Medizintechnik, Turbinenflügel für die Energieerzeugung… Und auch die Pleuel für die Dampfloks der Harzer Schmalspurbahn, die fast vor dem Betriebszaun vorbei rattert, werden hier bearbeitet.

„Die Kunden kommen mit einem Modell oder einer Zeichnung zu uns und sagen, so muss das Teil dann aussehen“, erklärt Schubert. „Das heißt, wir entwickeln das Erzeugnis von Anfang an mit. Dann beginnen Versuche auf dem Prüfstand und dann erst zum Beispiel am Motorrad, danach wird wieder korrigiert, Maße ändern sich, irgendwann gibt es eine ganz neue Idee…“. Manchmal dauere es vier Jahre bis zur Serienproduktion. Aber dann können sich die Abnehmer auf den Zulieferer aus Wernigerode hundertprozentig verlassen. Schubert: „Bei BMW Motorrad sind wir inzwischen Lieferant Nummer eins – mit null Fehlern.“

PSFU arbeitet heute für rund 100 Unternehmen vorwiegend in Deutschland, Schweiz und Österreich, die Endprodukte werden dann weltweit verkauft. Aus 100.000 Euro Jahresumsatz beim Start sind mehr als 12 Millionen Euro geworden, aus zehn Mitarbeitern fast 130. Produziert wird – nachdem die erste Fertigungsstätte 1995 abbrannte – wieder in jener Werkhalle, in der Andreas Schubert vor drei Jahrzehnten die erste Profilschleifmaschine „studierte“.

Nach dem Umzug begannen die großen Investitionen in den Maschinenpark. Das war der Zeitpunkt, als erstmals MBG und Bürgschaftsbank mit ins Boot gingen, inzwischen haben die Schwesterinstitute mehrere Investitionsstufen begleitet und die wachsende Auftragsfinanzierung abgesichert. „Zu denen hatte ich gleich Vertrauen“, nickt der PSFU-Geschäftsführer bekräftigend, „da wusste ich, dass auch das Land dahinter steht, und bei der MBG redet mir keiner `rein. Das passt einfach.“

Einen Privatinvestor als Geldgeber wollte er nie. Mit Hilfe der MBG-Beteiligung konnte der Betrieb ein Familienunternehmen bleiben. Außer Ehefrau und Tochter ist auch Schwiegersohn Nils Appelt seit 2005 mit dabei. Der Wirtschaftsinformatiker sammelte zunächst Berufserfahrung in den USA. „Dann stellte mir mein Schwiegervater praktisch ein Ultimatum. Das Unternehmen hatte die Größe erreicht, wo jemand mit einsteigen musste. Wenn nicht ich, hätte er sich einen anderen heranziehen müssen.“ Während Appelt heute das Controlling leitet und als Assistent der Geschäftsführung dem Chef über die Schultern schaut, leitet Schuberts Neffe Stefan nach abgeschlossenem Mechatronikstudium den Fertigungsbereich.

Mit einem Durchschnittsalter von 38 Jahren ist die Belegschaft gut für die Zukunft aufgestellt. Von den 20 Auszubildenden werden die meisten übernommen. Julia Gutzmann zum Beispiel, die mit raschen sicheren Griffen eine Schleifmaschine bedient, lernte Zerspanungsfacharbeiterin. In ihrem „Männerberuf“ fühlt sie sich wohl. „Das macht mehr Spaß als ein Büroberuf, weil man das Ergebnis der Arbeit sieht, und man wird vom Betrieb gefördert“, erklärt sie.  Neben der Arbeit studiert die hübsche Blondine in Braunschweig Maschinentechnik. Die gute Zusammenarbeit mit Hochschulen ist schon Tradition.

„Die Arbeit hier verlangt viel Wissen und Erfahrung“, bestätigt Nils Appelt. „Wir haben universell einsetzbare Maschinen, die der Bediener für jedes Produkt manuell einrichten und steuern muss.“ Das gilt auch für das kleinste Teil, Tonzungen für die Bandonions eines Musikinstrumentenherstellers in Klingenthal. Facharbeiter Bodo Pfob zeigt auf dem Computerbildschirm neben seiner Schleifmaschine, was mit bloßem Auge nicht wahrnehmbar ist: Profilschwankungen im Mikrometerbereich auf der Oberfläche des Federstahlplättchens. „Jeder Ton hat ein anderes Profil“, erklärt Pfob. Das könne man zwar berechnen, aber letztlich müsse man solange ausprobieren und nachstellen, bis jeder Ton stimmt. „Wir machen Tonzungen in einer Qualität, wie sie weltweit keiner liefert“, versichert sein Chef Schubert.

Die PSFU ist ein Zulieferunternehmen, aber der Geschäftsführer hegt auch ein eigenes „Kind“: Die Entwicklung einer Brennstoffzelle auf Basis selbst entwickelter Bipolarplatten. Diese „Stromsammelstellen“ müssen äußerst präzise bearbeitet werden - eben durch Profilschleifen. PSFU hat inzwischen das Patent angemeldet. Für die modellhafte Entwicklung einer Kombination von Strom- und Wasserstofftankstelle gab es 2008 den Hugo-Junkers-Innovationspreis des Landes.

Steckbrief:

Firma:

PSFU GmbH

Geschäftsführender Gesellschafter:

Andreas Schubert

Gegründet:

1992

Mitarbeiter:

rd. 130

Umsatz 2008:

€ 12,5 Mio

Firmenmaxime:

Präsision in allen Dimensionen ist unser oberstes Gebot

Kontakt:

Gießerweg 5, 38855 Wernigerode
Tel. (03943) 628-101
E-Mail: info@psfu.de
Internet: www.psfu.de

Ute Semkat, Bürgschaftsbank Sachsen-Anhalt - Geschäftsbericht 2008

Voriger Text Übersicht Nächster Text